Kassel macht's vor: Wie aus Elektroschrott eine Hör-Bibliothek wird

Kassel macht's vor: Wie aus Elektroschrott eine Hör-Bibliothek wird

Was passiert eigentlich, wenn Menschen eine gute Idee nicht nur gut finden, sondern einfach anfangen?

Die Antwort darauf lässt sich derzeit in Kassel beobachten.

Dort haben der Soroptimist International Club Kassel Elisabeth Selbert und die Sozialgruppe Kassel e. V. eine lokale Kartenretter-Initiative gestartet. Ihr Ziel: möglichst viele ungenutzte microSD-Karten sammeln und ihnen ein zweites Leben schenken.

 

Die Idee dahinter ist einfach. In vielen Schubladen liegen noch funktionierende Speicherkarten aus alten Smartphones, Digitalkameras, Tablets oder Navigationsgeräten. Für ihre Besitzerinnen und Besitzer haben sie oft keinen Wert mehr. Für Frauen im Globalen Süden können sie jedoch zu etwas ganz anderem werden: zu mobilen Hör-Bibliotheken.

Nach einer datenschutzkonformen Löschung (mehr Infos zu diesem Prozess hier) werden die Karten mit Audiopedia-Inhalten bespielt - mit Hörbeiträgen zu Themen wie Gesundheit, Schwangerschaft, Ernährung, Frauenrechten, Bildung oder wirtschaftlicher Selbstständigkeit, die in den jeweiligen Landessprachen und ohne Internet nutzbar sind. Gerade für Frauen, die nicht lesen können oder keinen verlässlichen Zugang zum Internet haben, kann dieses Wissen einen entscheidenden Unterschied machen.

Eine Idee trifft auf Engagement

Besonders beeindruckt uns, mit wie viel Eigeninitiative die Aktion in Kassel derzeit umgesetzt wird: Gemeinsam entwickelten die Partner vor Ort eigene Sammelboxen, sprachen Unternehmen, Institutionen und öffentliche Einrichtungen an und gewannen zahlreiche Unterstützerinnen und Unterstützer für die Idee. Auch die Stadt Kassel beteiligt sich inzwischen an der Aktion. Im Rathaus und weiteren städtischen Einrichtungen wurden Sammelstellen eingerichtet, an denen Bürgerinnen und Bürger ihre alten microSD-Karten abgeben können.

Begleitet wird die Aktion von Presseberichten, Social-Media-Beiträgen und vielen persönlichen Gesprächen. Genau so entsteht Aufmerksamkeit für ein Thema, das sonst oft unsichtbar bleibt: kostenlose Bildung für Frauen weltweit.

Warum solche lokalen Initiativen so wichtig sind

Kartenretter lebt davon, dass Menschen vor Ort aktiv werden.

Nicht jede Kommune muss das Rad neu erfinden. Die Erfahrung aus Kassel zeigt, dass bereits eine kleine Gruppe engagierter Menschen viel bewegen kann: eine Sammelbox organisieren, lokale Partner gewinnen, über die Idee sprechen und andere zum Mitmachen motivieren.

Für interessierte Initiativen gibt es inzwischen sogar eine praktische Lösung: Die von der Sozialgruppe Kassel entwickelten Sammelboxen können bei Bedarf auch direkt dort bezogen werden. Ihre Gestaltung lässt sich individuell anpassen - beispielsweise mit den Logos von Städten, Schulen, Unternehmen, Vereinen oder anderen Projektpartnern. So kann jede lokale Aktion unter eigener Flagge auftreten und gleichzeitig Teil der bundesweiten Kartenretter-Initiative werden.

Und damit entsteht aus einer einzelnen Speicherkarte eine Wirkungskette, die weit über den ursprünglichen Zweck hinausgeht: Eine Karte wird nicht entsorgt. Sie wird wiederverwendet. Sie wird mit Wissen gefüllt. Und sie landet schließlich dort, wo dieses Wissen dringend gebraucht wird.

Kassel als Vorbild

Für uns ist die Initiative in Kassel deshalb ein ganz wunderbares Beispiel dafür, wie Kartenretter wachsen kann. Nicht als zentrale Kampagne von oben, sondern durch Menschen, Vereine, Schulen, Unternehmen und Kommunen, die die Idee vor Ort aufgreifen und weitertragen.

Unser herzlichster Dank gilt dem Soroptimist International Club Kassel Elisabeth Selbert, der Sozialgruppe Kassel e. V., der Stadt Kassel sowie allen Unterstützerinnen und Unterstützern, die bereits Sammelstellen eingerichtet oder Karten gespendet haben!
 
Wer selbst eine Sammelaktion starten möchte, kann sich jederzeit bei uns melden. Denn vielleicht liegt die nächste Karte, die zu einer Hör-Bibliothek wird, ja schon in Ihrer Schublade!